Hach, eine Romanze wie im Disney Film – wer will das nicht, oder?! Nun ja, lassen wir mal den feministischen Aspekt beiseite (obwohl, kann man das überhaupt?) und konzentrieren uns rein auf die dargestellten Lovestorys:  junge Menschen finden ihr perfektes Gegenüber, besiegen das Böse durch ihre Liebe und leben glücklich bis an ihr Lebensende. Schön, oder? Medien leben uns nicht nur romantische Liebe vor, sondern konstruieren sie und verklären unseren Blick. Dabei wird der Maßstab so hoch gesetzt, dass immer mehr nach dem „perfekten” Partner und der „perfekten” Beziehung suchen und am Ende kläglich scheitern. Bei vielen steht die erste große Krise beim Zusammenziehen an – verschiedenen Ordnungs- und Recycling-Ansichten oder die Frage, wer was im Haushalt übernimmt (einkaufen, putzen, Wäsche waschen, etc.) können aus dem Abenteuer Zusammenziehen einen Alptraum machen.

Die Entscheidung zusammenzuziehen erfordert eine sorgfältige Prüfung im Voraus – ohne Disney-Brille müsst ihr euch beide bewusst werden, was ihr als individuelle, selbständige Personen erwartet und was eure Bedürfnisse sind. Unter dem Einfluss jahrzehntelanger Pop-Kultur und dem Einfluss des Neoliberalismus, die uns das Klischee glücklicher Paare aufgezwungen hat bzw. uns die Suche nach dem „perfekten” Partner vor dem Hintergrund der ständigen Selbstoptimierung vorgaukelt, ist es schwierig, abzuschätzen, was man vor dem Unterschreiben des Mietvertrags der gemeinsamen Wohnung bedenken sollte. 

Wenn ihr zusammenzieht, solltest du den Augenmerk auf das legen, was deine Beziehung deiner Meinung nach braucht und auf dein Bauchgefühl hören, anstatt auf das, was du laut gesellschaftlicher Norm tun solltest. Unsere 9 Fragen, gespickt mit Tipps von Millennial-Dating-Experten und Beziehungscoaches, werden dir dabei helfen, den Unsinn von außen zu ignorieren und sicherzugehen, dass euer Zusammenziehen auch gut für euch beide ist. Und zwar als zwei Individuen in eurer einzigartigen Beziehung.

1. Warum genau und in welcher Phase eurer Beziehung zieht ihr zusammen?

Ob der Ursprung eurer Entscheidung zum Zusammenzuziehen nun in schierer Bequemlichkeit liegt oder nicht, macht eigentlich keinen Unterschied, solange ihr beide für diesen Schritt bereit seid. Aber sei’ mutig, wenn du die genauen Beweggründe für den Umzug hinterfragst. 

Vielleicht endet gerade praktischerweise dein alter Mietvertrag und das Timing passt in diesem Fall besser als eure Beziehungsdynamik. Es braucht Mut, um etwas Bequemes und Angenehmes zu beenden. Aber besinn’ dich darauf, dass dein persönliches Glück schwerer wiegt als die Verpflichtung gegenüber deinem Vermieter. 

Doch wenn es ums Zusammenziehen geht, zählt nicht nur der ursprüngliche Grund für diese Entscheidung, sondern laut Beziehungscoach und klinischem Psychologen Ramon Schlemmbach auch wie lange ihr schon ein Paar seid. Der Experte ist der Meinung, dass es fürs Zusammenziehen ein zu früh als auch ein zu spät gibt: Er schlägt vor, erstmal die Phase der rosaroten Brille zu überstehen (von 6 bis 24 Monaten), damit man auch wirklich die Spleens des Partners kennenlernt und weiß, ob man langfristig damit umgehen kann. Doch irgendwann, wenn man denn den Wunsch des Zusammenlebens hat, sollte dieser Schritt auch ausprobiert werden – damit man nicht erst nach 7/8 Jahren Beziehung merkt, falls etwas doch nicht passen sollte.

Tipps zum Zusammenziehen

2. Wo führt eurer Beziehung deiner Meinung nach hin?

Vielleicht habt ihr beide es eher langsam angehen lassen, im Sinne von „wir daten erstmal und schauen, wo alles hinführt“. Aber ganz ehrlich, am Zusammenziehen ist nichts entspannend.

Setzt euch zusammen und führt ein ernstes Gespräch über eure Beziehung, bevor ihr einen gemeinsamen Mietvertrag unterschreibt. Es mag vielleicht für den Moment nicht wichtig sein, aber stell’ sicher, dass deine eigenen großen Pläne einem gemeinsamen Leben nicht im Wege stehen – und zwar noch bevor ihr euch eine Adresse teilt. 

Egal was für ein Umzugs-Pro du bist, Umziehen nervt und kostet Energie, und aufgrund einer Trennung auszuziehen, nervt noch viel mehr. Wenn du mit deinen Erwartungen für eure Beziehung längerfristig gesehen ehrlich umgehst, kannst du sichergehen, dass du von eurem Zusammenziehen persönlich profitierst – und es nicht nur zum Aufpolieren deines Instagram-Feeds nutzt.

3. Wie sieht eure finanzielle Situation aus?

Bereite dich (mental) darauf vor, dir über Rechnungen, Rechnungen und nochmal Rechnungen Gedanken zu machen. Und natürlich über eine eigene Hausratversicherung, die gemeinsamen Einkäufe und ein paar andere Ausgaben. All diese Dinge, an die ihr am Anfang eurer Beziehung keinerlei Gedanken verschwendet habt, können nun zu einem eurer Probleme werden.

Sogar Paare, die sich dazu entscheiden, ihre Finanzen komplett getrennt voneinander zu halten, sollten wissen, in was sie da reingeraten, wenn sie sich auf jemand anderen verlassen müssen. Sich über Finanzen zu unterhalten ist dann besonders wichtig, wenn du am Ende die meisten Ausgaben miteinander teilst. New York Dating-Expertin Lindsey Metsellar, die die Show We Met at ACME hostet, schlägt einen kurzen und schmerzlosen Ansatz vor, wenn es darum geht, über das heikle Thema Geld zu diskutieren: 

„Ihr fangt an, alles miteinander zu teilen, also stellt sicher, dass ihr vorher die finanzielle Lage des anderen kennt.”

Ihr entscheidet euch eventuell dafür, dass einer von euch mehr Miete und Lebenshaltungskosten zahlt, oder dafür, dass ihr alles 50/50 teilt. So oder so sollte die Entscheidung auf der Grundlage eurer beider finanzieller Realitäten getroffen werden. 

Circa ein Drittel aller Paare geben laut Investopedia Geld als ihre Haupt-Konfliktquelle an. Also, sei einfach ehrlich wenn es zu versteckten Schulden oder Aktiendepots kommt, die die Dynamik eurer Beziehung und die Finanzlage eures neuen Zuhauses verändern können. 

4. Welche Aufgaben kommen für dich im Haushalt absolut nicht infrage?

Am Anfang einer Beziehung ist es noch relativ einfach, dich selbst so zu präsentieren als würdest du dein Leben auf die Reihe kriegen und als wäre Adulting, aka Erwachsensein, ein Kinderspiel. Doch sobald ihr zusammengezogen seid, werden sich deine schlechten Gewohnheiten und Macken früher oder später zeigen. Aatare Johnson, Millennial-Dating-Guru und Owner des Tarascope Podcasts, schlägt vor, über die Dynamik eures neuen Zuhauses zu sprechen: 

„Wer bezahlt welche Rechnung, kauft Lebensmittel, putzt die Wohnung, kocht etc. Ihr könnt nicht einfach vermuten, für welche Dinge eure Partner*in Verantwortung übernimmt, damit diese Annahme nicht zu unnötigem Streit führt.”

Niemand liebt eine Spüle voll mit dreckigen Töpfen – aber falls du den Spüllappen noch viel zögernder in die Hand nimmst, lass es deine Partner*in wissen – und zwar, dass sie dich für diesen Task nicht einplanen sollte. Vielleicht hasst du es, den Küchenboden zu schrubben, aber bist ein Ass darin, eure Lebenshaltungskosten zu tracken. Eure neue Wohnung kommt mit so viele Aufgaben und Pflichten, dass ihr sicher ein paar untereinander tauschen könnt.

Du musst nicht perfekt sein, um liebenswert zu bleiben, aber sei definitiv ehrlich zu deiner Partner*in und übernehme Verantwortung, wenn es zu deinen Schwächen und Marotten kommt.

Zusammen-zu-ziehen

5. Welche Dinge möchtest du vor deiner Partner*in lieber geheim halten? 

Zusammenzuziehen ist ein guter Zeitpunkt, um zu checken, wie du dir selbst ein bisschen mehr Selbstakzeptanz entgegenbringen kannst, und zusätzlich eine wichtige Gelegenheit, von deinem Partner dieselbe Art von Bestätigung zu erhalten. Christen Turner von Matchmaking for Millennials hält eine Proberunde für eine nützliche Idee: 

„Lebt mindestens eine Woche lang jeweils in der Wohnung des anderen, und sei ehrlich darüber, wer du bist und was du in deinem persönlichen Bereich machst.”

Nee, wir reden nicht nur darüber, wie du dir eine Packung Socken gekauft hast, um dieses eine Mal den Waschtag zu verzögern…

Es gibt viel Stigma um Dinge wie psychische Gesundheit, unvollkommene Familien und vergangene Beziehungen, aber eine gesunde Paar-Beziehung bedeutet, das Gesamtpaket mit all seinen Schattenseiten zu akzeptieren. (Hier sind 52 Deep-Talk Fragen, um euch besser kennenzulernen und auf neue Art ehrlich miteinander zu sein.)

6. Was bedeutet dir Zeit und Raum für dich? 

Sogar wenn du das Glück hast, mit deinem Lieblingsmenschen auf der ganzen Welt zusammenzuziehen, wird es Zeiten geben, während du einander hasst. Es liegt möglicherweise am Stress bei der Arbeit, aber es wird auch so der Moment kommen, an dem dich der bloße Atem deines Lieblingsmenschen zum Ausrasten bringt. 

In der Lage zu sein „ich hab dich echt lieb, aber ich brauche in der nächsten Stunde etwas Zeit für mich” zu sagen, ist eine Art,  auch wirklich Zeit für sich zu bekommen. Natürlich muss die gemeinsame Wohnung hierzu auch Rückzugsmöglichkeiten bieten, wie beispielsweise ein eigenes Zimmer, um einfach mal die Tür hinter sich zu schließen.  Laut Beziehungscoach Darius Kamadeva ist es in der gemeinsamen Wohnung wichtig, dass es bestimmte Bereiche gibt, die dir gehören, und welche, die die deine Partner*in bevorzugt, beispielsweise deine Leseecke oder ihr Arbeitszimmer. 

Eine andere Möglichkeit, wie ihr ein eigenes Leben weiterführen könnt, ohne zu einem Beziehungsklumpen zu verschmelzen, ist, weiterhin in deine anderen Freundschaften zu investieren. Millennial-Dating-Experte Ari Taylor empfiehlt es, unbedingt seine eigene Identität beizubehalten. 

„Behalte deine eigene Identität. Selbst wenn du von deiner romantischen Beziehung eingenommen wirst, ist es noch immer wichtig, auch andere Beziehungen zu pflegen.“

Vergiss nicht, dass du nicht die einzige Person bist, die Freund*innen hatte bevor ihr euch kennengelernt habt –  also gebt euch gegenseitige Freiräume, um euch selbst treu und eure eigenen Persönlichkeiten beizubehalten. 

7. Was kannst du tun, damit deine Beziehung auch nach dem Umzug besonders bleibt?

Große Meilensteine, wie zusammenwohnen, können sich wie das Ziel anfühlen, aber auch die besten Beziehungen sind ein Work-in-Progress… und werden es immer bleiben. Vielleicht war es für euch besonders, die erste Staffel von The Good Place zusammen auf Netflix zu schauen. Aber jetzt, wo ihr mehr Nächte nebeneinander auf dem Sofa verbringt, als woanders, ist es schwierig, eure ursprünglich mal besondere Paar-Activity nicht zum totalen Alltag werden zu lassen.

Nicole Amaturo, Coach für persönliches Wachstum und Selbstliebe, warnt davor, die Beziehungsromantik nicht zu vernachlässigen: 

„Es ist so leicht, nach dem Zusammenziehen zu vergessen, sich zu bewusst zu verabreden, weil wir die Zeit in der Gesellschaft des anderen und die eigentliche gemeinsame Zeit miteinander verwechseln. Und das ist ein riesiger Unterschied.”

8. Welche Erwartungen hast du an euren Lifestyle? 

Ob du nun die Regel einführst, dass ausschließlich organisch gekocht wird, oder von einem Smart Home System für die neue Bude träumst – stell’ sicher, dass du deine Vorlieben und Erwartungen bezüglich eures Zusammenlebens deutlich machst. 

Turner warnt davor, dass „stille (nicht ausgesprochene) Erwartungen den Tod für jede Beziehung bedeuten”.

Die guten Nachricht ist, dass ihr beide euren ganz eigenen Normalzustand schaffen könnt. Also, wenn du es hasst, Essen wegzuwerfen oder die Idee einer Barfuß-Philosophie total spannend findest, mach’ deine Vorlieben deutlich, noch bevor du die Umzugshelfer rufst. 

Fragen vor dem Zusammenziehen

9. Wie ist es, wenn ihr zusammen reist?

Zeit, die ihr zusammen im Urlaub verbringt, veranschaulicht wie ihr aufeinander eingeht, während ihr eure Reise plant, Aktivitäten festlegt und jeden Tag wählt, was es zum Abendessen geben soll.

Dan Ariely, Chief Behavioral Officer von Lemonade, veranschaulicht die Idee anhand eines Kanu-Trips: 

„Der Strom treibt dich in alle möglichen Richtungen, und deine natürliche Tendenz wäre es, die andere Person dafür verantwortlich zu machen. In der Realität sieht es aber so aus, dass es die Natur ist, die euch treibt und dass dich die Wellen in eine andere Richtung steuern.”

Die Höhen und Tiefen einer Reise sind ein großartiger Hinweis darauf, wie ihr auf unerwartete Herausforderungen reagiert und sie überwindet, wenn ihr eure gesamte Zeit miteinander verbringt. 

Kalte Füße? 

Zusammenzuziehen kann einen überfordern, sogar wenn es sich gut und wie der richtige Zeitpunkt anfühlt. Das gemeinsame Abendessen wird zur Standard-Routine –  und das ist keine kleine Anpassung, selbst für diejenigen unter uns, die zur Co-Dependance neigen.

Solange du dich so zu einer klaren Kommunikation bekennst, wie zu deiner Partner*in, könnt ihr euch entspannen. Und sollte es mal kriseln, habt ihr beide eure Stimme und die Tools, die Dinge zu identifizieren, die euch beiden das Gefühl geben, Zuhause zu sein. 

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