Endlich angekommen. Die perfekte Bleibe ist gefunden, alle nervigen Verträge unterschrieben, der stressige Umzug ist gemeistert und sogar dein ganzer Kram hat das Licht erblickt und seinen Weg aus den Kartons gefunden. Das Leben könnte jetzt nicht besser laufen und du könntest dich entspannt hinchillen.

Doch im WG-Leben ist der Einzug erst der Anfang. Jetzt ist es an der Zeit, euch einzugrooven, damit das Zusammenleben richtig dufte läuft.

Besonders in einer großen Stadt wie Berlin, Frankfurt oder München, kann die Beziehung zu deinem Roomie schnell zum wichtigsten Anker in  deinem Alltag werden. Dabei macht der Vibe den Unterschied, ob du dich in deiner Wohnung wohlfühlst, oder du nur noch genervt bist — ob du gerne nach Hause kommst, oder du versuchst, die meiste Zeit bei deinen Kumpels abzuhängen, um das Nachhausekommen hinauszuzögern. 

Wir sind hier, um dir ein paar wissenschaftlich belegte Nerd-Tipps aus den Bereichen Verhaltensökonomie und Psychologie für das Leben mit deinen Mitbewohner*innen zu geben. 

1. Geben statt Nehmen

Als Teil des ungeschriebenen Mitbewohner-Vertrags, müsst ihr beide euren Part zu den anfallenden Aufgaben in der Wohnung, beim Einkaufen und der Instandhaltung beitragen. Trägt einer nicht seinen Teil dazu bei, ist Ärger vorprogrammiert. (besonders wenn du mit Leuten zusammenlebst, die du noch nicht so gut kennst oder es eine reine Zweck-WG ist). Die Frage aller Fragen lautet nun wie ihr euch gegenseitig dazu motivieren könnt, die Aufgaben zu erledigen, die ihr am liebsten aufschiebt? Der beste Weg: mit gutem Beispiel voranzugehen.

Laut Adam Grant, Organisationspsychologe und Professor an der Wharton University, ist der beste Weg das beste Verhalten in anderen zum Vorschein zu bringen, ein „giver” aka Geber zu sein. In seinem Bestseller „Give and Take” schreibt er:

WG Leben verbessern

Aber was bedeutet es wirklich, ein Geber zu sein?

Geber bieten anderen ihre Hilfe an und tun ihnen Gefallen, ohne etwas zurückzuverlangen. Das kann bedeuten, dass du bei deiner Einkaufsrunde eine Extra-Packung Öko Mandelmilch für deine Mitbewohner*in mitbringst, einmal ohne Aufforderung die Wohnung putzt, Toilettenpapier nachfüllst, oder die Initiative ergreifst, wenn’s um das Bezahlen der Rechnungen geht, und zwar ohne direkt von deinen Roomie zu verlangen, für den nächsten Monat aufzukommen. 

Kleine Taten, große Wirkung.

WG-Leben verbessern

Adam Grant erklärt das so:

„Es stellt sich heraus, dass Geben ansteckend sein kann. In einer Studie fanden ‚Ansteckungsexperten’ James Fowler und Nicholas Christakis heraus, dass Geben sich rapide und weitflächig in sozialen Netzwerken verbreitet. Wenn eine Person die Entscheidung traf, auf eigene Kosten, über mehrere Runden hinweg, einen Beitrag zu einer Gruppe zu leisten, war es wahrscheinlicher, dass andere Gruppenmitglieder*innen zu zukünftigen Runden beitrugen.”

(Give and Take)

In anderen Worten, wenn du ein Geber bist, inspiriert das deine Mitbewohner*innen dazu, dein Verhalten nachzuahmen. Wenn deine WG-Kolleg*in dich dabei sieht, wie du den Einkauf für eure Wohnung erledigst, dann fühlt sie sich fast schon dazu genötigt, den Gefallen zu erwidern. Dadurch, dass ihr beide mit gutem Beispiel vorangeht, werden Aufgaben rund um die Wohnung ganz selbstverständlich erfüllt und niemand von euch hat das Gefühl, den anderen damit nerven zu müssen.

Um die besten Resultate zu erzielen, erinnere deine Mitbewohner*in an deinen Beitrag zum Zusammenleben (später mehr dazu). 

2. Geteilte Lebenshaltungskosten

Es versteht sich von selbst, dass das Leben mit Mitbewohner*innen Kosten mit sich bringt – angefangen vom teuren Öko Weichspüler, über kaltgepresstes Olivenöl, bis hin zur Stromrechnung. Ein System zu erfinden, wie genau ihr für diese Kosten aufkommt, kann schwierig sein. Außerdem ist das Letzte, was du willst, dass es zu Lasten des WG-Vibes geht. Unter diesen Gesichtspunkten – was ist der beste Weg, um die Lebenshaltungskosten aufzuteilen?

Es gibt zwei Optionen: Entweder du zahlst ausschließlich für deinen eigenen Kram, oder ihr teilt die Kosten für jegliche Anschaffungen. Normalerweise tendieren Mitbewohner*innen zur ersten Option: Sie erscheint fairer und man kann das „Wem gehört was”-Wirrwarr vermeiden. 

Im Gespräch mit Lemonades Chief Behavioral Officer Dan Ariely wurden wir jedoch eines Besseren belehrt: 

„Die Option ‚ich hab meinen eigenen Joghurt, und du deinen eigenen Weichspüler’ scheint der richtige Ansatz zu sein ist er aber nicht”, so Ariely. Das liegt daran, dass diese Vorgehensweise einen der wichtigsten Aspekte einer Beziehung zwischen Mitbewohner*innen übersieht: die Schaffung einer Atmosphäre des gemeinsamen Lebens. 

Das Teilen der Lebenshaltungskosten für eure Wohnung schafft das Gefühl, dass ihr auch euer Leben miteinander teilt, was zu einer viel besseren Atmosphäre als „jeder für sich selbst” führt. Dieses System des Teilens bestärkt eure Kultur des Gebens zusätzlich. 

Glücklicherweise ist es noch immer möglich, dass du und deine Mitbewohner*in ähnliche Anteile der Lebenshaltungskosten übernehmt, während ihr gleichzeitig eine Atmosphäre des Teilens beibehaltet. 

„Wenn du wirklich mit jemanden zusammenleben und einen Bereich deines Lebens mit dieser Person teilen möchtest, wähle die Vorgehensweise, in der ihr beide die gleiche Geldsumme auf ein gemeinsames Konto einzahlt und das Geld für alle Wohnungsausgaben benutzt“, empfiehlt Ariely. 

Alternativ könnt ihr beide am Anfang des Monats den gleichen Bargeldbetrag in einen Umschlag stecken, der als WG-Kasse fungiert. Wenn es dann an der Zeit ist, Besorgungen zu machen oder Ausgaben zu begleichen, könnt ihr das Geld aus der Haushaltskasse nehmen, anstatt aus eurem eigenen Geldbeutel.  

Übrigens, damit alles weiterhin wie am Schnürchen läuft, schlagen wir vor eine synchronisierte Einkaufsliste zu erstellen. Hier findest du einige hilfreiche Apps dazu.

3. Deinen Beitrag klar kommunizieren

Mach das Experiment: Frag dich selbst, welchen Prozentsatz du an den anfallenden Aufgaben rund um eure Wohnung übernimmst, und schreib’s auf ein Stück Papier. Frage jetzt deine Mitbewohner*in, wie viel der Arbeiten sie leistet. Zähle die Prozentsätze zusammen. Übersteigt die Summe 100 Prozent?

Das ist fast immer der Fall. Es ist üblich, dass Menschen den eigenen Arbeitsaufwand im Vergleich zu dem der anderen, überschätzen. Das wird als „egocentric  bias” also als egozentrische Voreingenommenheit bezeichnet. Untersuchungen zeigen, dass es nicht nur beim Zusammenwohnen mit Mitbewohner*innen, sondern auch bei Student*innen die zusammen an einem Projekt arbeiten, Spieler*innen einer Sportmannschaft und Psychologie-Absolvent*innen, die gemeinsam an einer Doktorarbeit schreiben, vorkommt (Ross & Sicoly, 1979). 

Laut Professor Dan Ariely passiert das, weil „wir in dem, was wir tun, die Nuancen und Details sehen, aber bei dem, was die andere Person tut, sehen wir weder Nuancen noch  Details.”

Wenn wir beispielsweise den Geschirrspüler leeren, neigen wir dazu, die Aufgabe als mehrstufigen Prozess wahrzunehmen: Wir nehmen das saubere Geschirr raus, räumen es ordentlich in den Schrank, und stapeln tetrismäßig das dreckige Geschirr anschließend in den Geschirrspüler. Wenn deine Mitbewohner*in den Müll rausträgt, siehst du das eher als eine Aufgabe, die nur einen Schritt enthält, obwohl es das Zuknoten des Müllsacks, das Tragen zur Mülltonne und das Ersetzen des alten Müllbeutels mit einem neuen erfordert.

Sollten du oder deine Mitbewohner*in davon ausgehen, dass eine von euch beiden mehr beiträgt als die andere, kann das zu Beef führen. Der beste Weg, diese inhärente Voreingenommenheit anzugehen, besteht darin, dich von Zeit zu Zeit bewusst (aber gleichzeitig beiläufig) zu bemühen, deine Beiträge zu beschreiben. 

Lass deine Mitbewohner*in beispielsweise wissen, dass du den Geschirrspüler geleert oder den Küchenboden gesaugt hast. Erkläre währenddessen den Prozess im Detail, damit dein Roomie sich ausmalen kann, wie viel Arbeit du investiert hast. Das führt zu mehr Empathie und Dankbarkeit gegenüber deinen Anstrengungen, und verhindert, dass andere deine Arbeit als selbstverständlich hinnehmen. Ermutige deine Mitbewohner*in dazu, dasselbe zu tun, damit du ihren Beitrag nicht unterschätzt. 

Es dreht sich alles um die kleinen Dinge

Am Ende des Tages sind es die kleinen Dinge, die ein harmonisches WG-Leben ausmachen. Es geht darum, die zusätzlichen gemeinschaftlichen Besorgungen zu machen, die Kosten für neue Küchenrollen zu teilen oder nach wilden WG-Partys gemeinsam zu putzen, und deinen Beitrag zu eurem Zusammenleben (auf beiläufige Weise) zu kommunizieren. 

Diese kleinen Taten können viel dazu beitragen, einen guten WG-Vibe zu fördern und damit deine Bude zu deinem Zuhause zu machen.

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