Beim Mittagessen erzählt dir eine Freundin, die gerade auf Jobsuche ist, dass sie sich für ein Unternehmen interessiert, bei dem dein ehemaliger WG-Kollege zufällig arbeitet. Der Kontakt zwischen dir und deinem alten Mitbewohner ist jedoch über die Jahre hinweg eingeschlafen… Ohne Plan, ob er mittlerweile seine bessere Hälfte geheiratet hat, oder womöglich sogar schon ein kleines Mini-Me in die Welt gesetzt hat, wolltest du ihn eigentlich selbst um professionellen Rat bitten. Was würdest du tun?

a) Deiner Freundin sagen, dass du sie mit deinem alten Mitbewohner bekannt machst. 

b) Deiner Freundin sagen, dass du sie mit deinem alten Mitbewohner bekannt machst, und sie anschließend bei deinem Problem um Hilfe bitten.

c) Deiner Freundin sagen, dass du dich nicht dabei wohlfühlst, sie mit deinem alten Mitbewohner bekannt zu machen, da ihr seit Langem keinen Kontakt mehr habt. 

Es stellt sich heraus, dass deine Antwort zu dieser Frage deinen „Reziprozitäts-Stil” wiederspiegelt, das heißt, die Art und Weise, wie du an Interaktionen mit anderen herangehst. Laut Adam Grant, Autor von „Give and Take”, gibt es drei verschiedene Arten von Reziprozitäts-Stilen: Geber, Nehmer und Tauscher. 

Geber, Nehmer und Tauscher

Was unterscheidet diese drei Typen voneinander?

Nehmer stellen sich selbst in den Fokus und setzen ihre eigenen Interesse über die Bedürfnisse anderer. In Interaktionen mit anderen versuchen sie, so viel wie möglich für sich selbst herauszuschlagen, und so wenig wie möglich als Gegenleistung zurückzugeben. 

Das Ziel der Tauscher ist es, die Balance zwischen Geben und Nehmen zu bewahren. Ihre Einstellung ist: „Wenn du von mir nimmst, nehm’ ich von dir. Wenn du mir gibst, geb’ ich dir.”

Geber setzen andere in den Fokus und neigen dazu, diese bedingungslos zu unterstützen. Sie fragen sich: „Wie kann ich einen Mehrwert für andere Personen schaffen? Was kann ich zu ihrem bzw. seinem Glück beitragen?”

Geber Nehmer

Welcher Typ bist du? Es scheint, dass die meisten Menschen irgendwo in die Mitte des Spektrums fallen. Sie verhalten sich wie Tauscher und wählen im imaginären Szenario oben Option B („Ich mach dich gerne mit meinem alten Mitbewohner bekannt, aber ich möchte auch, dass du mir hilfst.“).

Menschen haben eine angeborene Neigung zur Gegenseitigkeit, während Geber und Nehmer zwei Extreme darstellen.

Auch wenn Geber definitiv die Großzügigsten in unserer Gesellschaft sind, spielen Tauscher eine wichtige Rolle: Sie stellen sicher, dass alles fair abläuft und man sprichwörtlich „erntet, was man säht“. Sie belohnen Geber für ihr altruistisches Verhalten, und suchen Vergeltung, wenn sie oder andere schlecht behandelt werden. 

Geber, Nehmer und Tauscher im Berufsleben

Welcher dieser Typen ist im Arbeitsleben am erfolgreichsten?

Untersuchungen zeigen, dass Geber tendenziell am schlechtesten abschneiden. Nach Grant, sie sind in einer Vielzahl von Berufen benachteiligt, weil sie ihren eigenen Erfolg opfern, um anderen dabei zu helfen, erfolgreich zu sein. 

Dass Nehmer oder Tauscher die Top-Performer sind, erscheint damit nur allzu plausibel, stimmt jedoch nicht.

Es sind wieder Geber. 

Die besten und gleichzeitig schlechtesten Performer im Berufsleben sind die, die ihren Hauptfokus auf andere legen, während Nehmer und Tauscher irgendwo in die Mitte des Spektrums fallen.

Geber und Nehmer Menschen

Warum ist das so? Nehmer setzen die  Bedürfnisse anderer an letzter Stelle und sind aus diesem Grund selten erfolgreich, wenn es darum geht, starke Beziehungen aufzubauen und Networking zu betreiben. 

Auf der anderen Seite versuchen Tauscher sich zu revanchieren und unterstützen den Erfolg der Geber. Tauscher neigen dazu, gute Taten mit anderen guten Taten zu belohnen. Jeder liebt, vertraut und unterstützt Geber, da sie einen Mehrwert für andere schaffen, zum Erfolg der Menschen um sie herum beitragen, und einfach am meisten Karma-Punkte sammeln.

Kurz gesagt, Geber sind erfolgreich, weil Geben an sich zu starken Beziehungen führt, die ihnen langfristig zugutekommen. Mit diesen engen Beziehungen als Rückendeckung ist es keine Überraschung, dass Geber glücklichere Menschen sind als Nehmer

Kompliziert? Nochmal zurück: Wenn Geber also starke Beziehungen aufbauen (und sogar glücklicher sind), warum befinden sich dann ein Teil der Geber ganz unten auf der Erfolgsskala, während der andere Teil der Geber ganz oben ist?

Selbstlose Geber vs. fremdbezogene Geber

Es gibt zwei Typen von Gebern: selbstlose Geber und fremdbezogene Geber

Selbstlose Geber sind diejenigen, die alles stehen und liegen lassen, um anderen zu helfen. Sie neigen demnach dazu, mit ihren eigenen Aufgaben zurückzufallen. Aus diesem Grund landen sie normalerweise ganz unten auf der Erfolgsskala (obwohl sie immer noch glücklichere Menschen sind als Nehmer).

Auf der anderen Seite verhalten sich die fremdbezogenen Geber klüger und handeln strategisch, wenn sie anderen eine Gefallen tun. Während sie noch immer zur Gruppe der Geber gehören, haben sie gelernt sich erfolgreich in einer Welt mit Tauschern und Nehmern zurechtzufinden, ohne ausgenutzt zu werden.

Die Vorteile fremdbezogenen Geber sind unter’m Strich nicht von der Hand zu weisen: gutes Karma, enge Beziehungen zu anderen, Glücklichsein, und Erfolg im Job.

Wie also kann man ein erfolgreicher Geber werden? 

Gut, dass du gefragt hast. Hier ein paar Tipps und Tricks, um anderen zu helfen und gleichzeitig einen Burnout zu vermeiden:

Wie man ein erfolgreicher Geber wird

1. Fünf-Minuten-Gefallen

Was tun:

Tu anderen kleine Gefallen, die nicht mehr als fünf Minuten deiner Zeit in Anspruch nehmen – sowas wie zwei Menschen miteinander bekannt machen, Feedback geben, oder deinen Rat anbieten. 

Warum’s funktioniert:

Bekannt geworden durch den Serien-Entrepreneur Adam Rifkin, stellen die sogenannten Fünf-Minuten-Gefallen die kleinen, aber wirkungsvollen Gefallen dar, die du anderen tust und die, wie’s der Name schon sagt, nicht länger als fünf Minuten dauern. Wenn du deinen Kolleg*innen oder Freund*innen etwas Gutes tust, kann dass eure Beziehung erheblich stärken. Kleine Tat, große Wirkung.

2. Um Hilfe bitten

Was tun: 

Bitte eine deiner Freund*innen oder Kolleg*innen, dir bei einem Problem zu helfen, ohne zu viel von ihrer Zeit in Anspruch zu nehmen.

Warum’s funktioniert:

Während um Hilfe zu bitten auf den ersten Blick kein typischer Geber-Move ist, hat es trotzdem einige überraschende Vorteile. Es gibt den Menschen um dich herum die Möglichkeit, selbst zu Gebern zu werden, sich gut zu fühlen, und gleichzeitig als smart wahrgenommen zu werden.

Um Rat zu fragen, ist einer der besten Wege, um starke Beziehung zu formen. Nach Grant stellt es eine bedeutungsvolle Möglichkeit für andere dar, zu deinem Leben beizutragen und sich dadurch erfüllt zu fühlen.

3. Alles auf einmal geben

Was tun: 

Widme einen bestimmten Tag in der Woche oder einen Teil des Tages dazu, anderen Menschen auszuhelfen. 

Warum’s funktioniert:

Es gibt zwei Möglichkeiten, anderen etwas Gutes zu tun: Entweder du kannst kleine Gefallen willkürlich über die ganze Woche verteilen, oder alle guten Taten bündeln und an einem einzigen Tag „an einem Stück” abarbeiten. Was ist effektiver? Die Forschung zeigt: alles an einem Stück. Da du einen größeren psychologischen Boost an Wertschätzung erfährst, wirst du dazu motiviert, auch weiterhin ein Geber zu sein.

Geber und Nehmer Menschen4. Finde dein Spezialgebiet

Was tun:

Wähle eine oder zwei Arten, wie du anderen helfen kannst, die dir wirklich Spaß machen und in denen du gut bist, anstatt von allem ein bisschen was zu machen. 

Warum’s funktioniert:

So kannst du anderen auf eine Weise helfen, die dich nicht persönlich erschöpft, sondern dein Energielevel boostet. Außerdem entwickelst du so den Ruf, ein Pro auf einem Gebiet zu sein, oder eine bestimmte Expertise zu besitzen, die du gerne mit anderen teilst – anstatt jemand, der einfach nur nett und frei verfügbar ist.

Der Vorteil? Leute kommen nicht mit Gefallen zu dir, die nicht unter deine Skills fallen. 

5. Nehmer erkennen

Was tun:

Mach Nehmer frühzeitig aus, basierend auf ihrem Ruf und deinen bisherigen Erfahrungen, und helfe ihnen nur, wenn sie dich mögen.

Warum’s funktioniert:

Nehmer nutzen Geber und deren Gefallen gerne aufgrund ihres guten Rufs aus. Um das zu vermeiden, solltest du die Denkweise eines Tauschers annehmen. In anderen Worten, wenn dich ein Nehmer um Hilfe bittet, antworte: „Klar, ich helf’ dir gerne, wenn du dazu bereit bist, mir im Gegenzug mit etwas anderem zu helfen.”

Geben, geben, geben!

Wenn du diese Tipps und Tricks verinnerlichst, wirst du im Nu ein erfolgreicher Geber. Jedoch liegt der Schlüssel hierzu in der Authentizität, also darin, ein wirklich authentischer Geber zu sein. Im Klartext, umso weniger du gibst nur um etwas zurückzubekommen, umso erfolgreicher wirst du am Ende sein. 

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Bist du ein Geber, Nehmer oder Tauscher?

Finde es mit ein paar weitere Fragen aus Adam Grants „Give and Take“ – Quiz heraus.

1. Eine fremde Person und du bekommt beide etwas Geld. Du hast drei Möglichkeiten zu entscheiden, wie viel ihr jeweils bekommt; du wirst die fremde Person weder jemals sehen noch treffen. Welche Option würdest du auswählen?

a) Ich bekomme 8 €, und die fremde Person 4 €.

b) Ich bekomme 5 € und die fremde Person 7 €.

c) Ich bekomme 5 € und die fremde Person 5 €.

2. Nach der Verwüstung durch Hurrikan Katrina in 2006 hat ein US-Bankmanager ein Mitarbeiter*innen-Team nach Orleans mitgenommen, um beim Wiederaufbau der Stadt zu helfen. Warum glaubst du, hat er das gemacht?

a) Er wollte Schlagzeilen damit machen, Teil eines großzügigen Unternehmens zu sein, das die Bereitschaft zeigt, Gutes zu tun.

b) Er hatte Mitgefühl mit den Opfer und wollte alles in seiner Macht Stehende tun, um zu helfen.

c) Er wollte den Bankmitarbeiter*innen, die Familie in New Orleans haben, seine Unterstützung zeigen.

3. Du bewirbst dich für eine Manager-Stelle, und einer deiner ehemaligen Chefs schreibt dir ein glänzendes Empfehlungsschreiben. Was würdest du am ehesten tun?

a) Mich richtig bemühen, einen guten Eindruck auf meinen neuen Chef zu machen, damit ich mir noch einen gutes Empfehlungsschreiben sichern kann.

b) Anbieten, ein Empfehlungsschreiben für eine meiner ehemaligen Mitarbeiter*innen zu schreiben, um etwas zurückzugeben.

c) Mit dem Ziel den Gefallen zu erwidern nach Wegen suchen, meinem ehemaligen Chef zu helfen. 

4. Du arbeitest mit zwei deiner Kolleg*innen an einem Projekt, das aus drei zu erledigenden Unteraufgaben besteht. Während ihr diskutiert, wie ihr die Aufgaben am besten verteilt, wird klar, dass ihr alle drei extrem an zwei der Unteraufgaben interessiert seid, aber die dritte als eher langweilig einstuft. Was würdest du tun?

a) Versuchen, eine meiner Kolleg*innen dazu zu überreden, die langweilige Aufgabe zu übernehmen.

b) Mich freiwillig für die langweilige Aufgabe melden, ohne eine Gegenleistung zu verlangen.

c) Mich freiwillig für die langweilige Aufgabe melden, und meine Kolleg*innen später um einen Gefallen bitten.

5. Vor ein paar Jahren hast du einem Bekannten mit dem Namen Jamie dabei geholfen, einen Job zu finden. Seitdem habt ihr euch aus den Augen verloren. Auf einmal schickt Jamie dir eine E-Mail und stellt dich einem potenziellen Businesspartner vor. Was ist die wahrscheinlichste Motivation hinter Jamies E-Mail?

a) Jamie will erneut um Hilfe fragen.

b) Jamie will mir einfach helfen.

c) Jamie will sich bei mir revanchieren.

Wenn du überwiegend zu Option A tendierst, bist du ein Nehmer. Hast du meistens B angekreuzt, bist du ein Geber. Hast du überwiegend mit C geantwortet, bist du ein Tauscher. 🙂

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