Freitagabend – das langersehnte Wochenende ist endlich da. Dein:e Partner:in und du sitzen ganz entspannt auf dem Sofa der gemeinsamen Altbauwohnung. Ein Glas Wein in der einen Hand, die Chipstüte in der anderen. Im Hintergrund läuft Amy Winehouse. So schön könnte die Wohnzimmeridylle aussehen, doch anstatt euch anzuschauen und über eure Woche zu quatschen, schaut ihr beide auf eure Smartphones. Nur kurz noch die letzte Instagramstory anschauen, schnell WhatsApp checken. Ihr führt nicht nur ein Gespräch, sondern eigentlich sechs parallele Konversationen.

Handys sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie sind ungelogen zu etwas geworden, das sich wie die Verlängerung unserer Hand anfühlt. In einer aktuellen Studie von Psychology Today gaben 94 Prozent der Teilnehmer:innen an, sich beunruhigt zu fühlen, wenn sie ihr Handy nicht dabei hatten, 80 Prozent waren neidisch, wenn jemand anderes ihr Smartphone in der Hand hielt, und 70 Prozent fühlten sich depressiv, panisch und hilflos, wenn ihr Handy verloren ging oder es gestohlen wurde. Das Ganze hat mittlerweile sogar einen Fachbegriff und nennt sich Nomophobie (No-Mobile-Phone-Phobia) – es beschreibt die Angst, dass dem Handy etwas passieren könnte, sodass man unerreichbar ist und geht mit der Handysucht einher.

Während dich die beschriebenen Studienergebnisse wohl kaum überraschen, hätten sie jemanden vor acht Jahren wohl ganz schön geschockt. Seit dem Jahr 2012, in dem es in Deutschland um die 30 Mio. Smartphone-Nutzer gab, hat sich diese Zahl laut Statista bis 2019 mehr als verdoppelt. 

Lass’ es uns etwas anders ausdrücken: In nur acht Jahren hat sich ein einziges technisches Gerät von einem kaum genutzten Gegenstand in etwas verwandelt, das unsere Gewohnheiten, Sozialverhalten und eigentlich unser gesamtes Leben einschneidend beeinflusst.

Und wie sind wir nun von Punkt A nach Punkt B gelangt? 

Spoiler-Alarm: Vieles davon hat seine Wurzeln in der Evolutionstheorie und Psychologie.

Eins nach dem anderen

Der plötzliche Anstieg der Smartphone-Nutzung geschah nicht einfach so über Nacht, sondern schrittweise. Alles beginnt mit einem kleinen Molekül namens Dopamin, das in unseren Gehirnen zu finden ist.

Hier ist, was passiert ist: Als du dein erstes Smartphone bekamst, hast du wahrscheinlich ein paar Dinge getan, die dir ein gutes Gefühl gaben – wie die alte Connection mit einer Kindheitsfreundin wieder aufnehmen, eine nette Textnachricht von einem Bekannten lesen, oder einfach eine Benachrichtigung aufploppen sehen. All diese Aktivitäten haben in deinem Gehirn zur Freisetzung von Dopamin geführt.

Was ist nochmal Dopamin? Dopamin ist ein Neurotransmitter, der dafür sorgt, dass du dich gut fühlst. Unsere Gehirne sind so aufgebaut, dass Dopamin freigesetzt wird, wenn wir Dinge tun, die zu unserem Überleben beitragen – so, wie essen oder Sex haben. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Handyaktivität dazu führt, dass Dopamin im Gehirn ausgeschüttet wird, wodurch wir uns motiviert und glücklich fühlen. 

In den ersten Monaten, in denen du dein Smartphone benutzt hast, hast du bestimmt auch ein paar banale Sachen damit getan, die kein warmes oder aufregendes Gefühl in dir hervorriefen, wie beispielsweise stumpfsinnig durch Oddly Satisfying Videos auf Instagram zu scrollen, oder Fremde auf Facebook zu stalken. 

Jedes Mal jedoch, wenn du doch ‘was gemacht hast, das mit der Ausschüttung von Dopamin einherging, hat dein Gehirn damit begonnen, ein Muster zu erkennen. Früh genug hat es damit angefangen, ‘Handy’ mit ‘Dopamin’ zu assoziieren. Und da sich dein Gehirn von Natur aus nach einer rasch verfügbaren Dosis an Dopamin sehnt, begann es damit, dein Handy zu craven.

Gründe Handysucht

Und plötzlich bildet sich eine Gewohnheit

Wenn du eine bestimmte Verhaltensweise, welche eine spezielle Belohnung triggert, immer wieder durchführst, brennt sich dieses Muster in deine Gehirnzellen ein. Und schon bald darauf fängt dein Gehirn damit an, sich regelmäßig nach der Belohnung zu sehnen. 

Und die Sache ist die mit Dopamin: Es wird unheimlich schnell im Gehirn abgebaut, sodass du dauernd nach mehr verlangst. Also wird dein Gehirn, sobald der Effekt des Dopamins nachlässt, alles dafür tun, um das Gefühl zurückzuholen – und zwar so schnell wie möglich.

Was ist ein einfacher und greifbarer Weg, um die Dopaminflut auszulösen? Auf dein Handy schauen. Also ist das genau das, was dein Gehirn deinem Körper rät. 

Das Ding ist, nicht jede Textnachricht, Facebook-Post oder Instagram-Foto versorgt dich mit dem Produkt, nachdem sich dein Gehirn verzehrt. Jedoch sind wir darauf eingestellt, hart für die Dopamin-Belohnungen zu arbeiten, und durchkämmen daraufhin weiterhin die mittelmäßige Datenflut. 

Manchmal tragen wir sogar selbst zu unserem Belohnungssystem bei. 

Hast du dich jemals dabei erwischt, wie du was in den Social Channels gepostet hast, nur um dich aufzuheitern? Oder ein paar Textnachrichten an Freund:innen geschickt hast, nur um dich mit anderen sozial verbunden zu fühlen? Keine Sorge – du bist damit nicht allein. Es passiert den Besten von uns – und liegt an unseren Nervenbahnen. 

Was steckt in einem Handy?

Aber warum passiert das mit Handys, und keinem anderen Gerät? Was genau haben Smartphones an sich, das uns solch einen Dopaminschub gibt?

Nehmen wir beispielsweise Tablets. Sie sind schlank, digital, recht transportabel – eigentlich genauso wie Handys. Der Unterschied zwischen einem Smartphone und einen Tablet liegt darin, dass wir dazu tendieren, das Tablet mehr für persönliche, passive Aktivitäten, wie beispielsweise Videoscreening oder das Lesen von (Online-)Büchern zu verwenden. Diese Aktivitäten führen laut Psychology Today zu einer völlig anderen neurologischen Reaktion als die, Smartphones hervorrufen.

Unser Handys erfüllen die folgende Funktion: Sie dienen als Portal, um eine Verbindung mit der gesellschaftlichen Welt herzustellen. Wir verbringen die meiste Zeit mit unserem Handy damit, Textnachrichten zu schreiben, durch Social Media zu scrollen und mit Freund:innen zu chatten.

Tablet vs. Handynutzung

Und was hat das jetzt mit Dopamin zu tun? Es hat sich herausgestellt, dass alle Benachrichtigungen, die wir aufs Handy bekommen – angefangen von Social Media, Nachrichten, App-Benachrichtigungen und anderen – in unserem Gehirn die Dopaminausschüttung aktivieren. Tatsächlich haben die am meisten süchtig machenden Smartphone-Funktionen Folgendes gemeinsam: Laut einem in Frontiers in Psychology veröffentlichten Bericht von Dr. Veissière and Professor Stendel machen sie sich den Wunsch nach sozialer Connection zu eigen.

Menschen sind ‘Social Animals’

So wie die Freisetzung von Dopamin, ist auch unser Bedürfnis nach sozialer Verbundenheit fest in unser Gehirn eingebrannt. Menschen haben das Verlangen, tiefe Beziehungen einzugehen und diese aufrechtzuerhalten. Diese Beziehungen sind so fundamental für unser seelisches Wohlbefinden, wie Hunger und Durst für unsere körperliche Zufriedenheit sind. 

Warum? Auch hier findet sich der Ursprung in der Evolution. Als die Menschen sich weiterentwickelten, hing ihr Überleben trotz rauer Umweltbedingungen voneinander ab. Diejenigen mit einer stärkeren Bindung zu anderen, hatten eine höhere Überlebenschance, weil sie auf die Unterstützung von mehreren Personen zählen konnten.

Besonders das Verlangen danach, andere zu überwachen, ist tief in unserer evolutionären Vergangenheit verwurzelt. Während ihrer Entwicklung brauchten die Menschen ständigen Input von anderen, um kulturell angemessene Verhaltensweisen zu bestimmen. Auf diese Weise gewannen sie ein Gefühl von Sinnhaftigkeit, Identität und setzten langfristige Ziele. Es ist demnach nicht überraschend, dass Social Media – und insbesondere das dortige Posten von Fotos – so beliebt geworden ist.

Alles in allem erscheint es so, als würden Smartphones uns eine Plattform bieten, um das angeborene Bedürfnis, soziale Beziehungen mit anderen einzugehen, zu erfüllen, welches laut Dr. Veissière eine „fundamentale Eigenschaft der menschlichen Evolution darstellt, die um hunderttausende Jahre älter ist als das Smartphone.”

Warum können wir nicht damit aufhören, unsere Handys zu checken? Sie erfüllen eines unserer Grundbedürfnisse, und zwar auf schnelle und einfache Weise: soziale Kontakte.

Und um die Wahrheit zu sagen, wird dieser Effekt von Tech-Unternehmen nur noch verschlimmert. Einige dieser Unternehmen stellen Psycholog:innen, sowie Neuro- und Sozialwissenschaftler:innen ein, um ihnen dabei zu helfen, suchterzeugende Produkte zu entwickeln, die die Freisetzung von Dopamin am Laufen halten. Es gibt sogar ein Start-up namens Dopamine Labs, das Neurowissenschaften dazu verwendet, die Produkte von Tech-Unternehmen besonders ‘unwiderstehlich’ zu machen. 

Der Silberstreif am Horizont

Okay, das kann sich alles ein bisschen beängstigend anhören, aber tatsächlich hat es auch eine beruhigende Seite.

Die Psychologie hinter unseren Beweggründen kann einen ersten Schritt dazu darstellen, schädliche Gewohnheiten abzulegen.

Doch warte, ist die Handynutzung in der Tat ausschließlich schädlich?

Da unsere Handynutzung in unsere evolutionären Bedürfnisse verwurzelt ist, müssen wir ja theoretisch schon irgendwie davon profitieren. 

Dr. Keith Hampton von der Michigan State University macht uns darauf aufmerksam, dass Smartphones es uns ermöglichen, mit Freund:innen in Kontakt zu bleiben, sogar noch nach dem Wechsel von der Schule an die Uni, oder nach einem Umzug in eine andere Stadt (oder gar ein anderes Land!). Aus diesem Grund bewegen wir uns in größeren Netzwerken mit mehr Personen, denen wir uns anvertrauen, mit denen wir auf Reisen gehen, oder von denen wir lernen können: „Du gewinnst ein vielfältiges soziales Netzwerk,” bringt er zu Recht an. 

Aber es macht auch Sinn zu erwähnen, dass unsere Handys einigen unserer wichtigsten Beziehungen in die Quere kommen können. Laut einer Studie von James Robers und Meredith David verringert „Phubbing” – wenn du jemanden, mit dem du gerade Zeit verbringst, ignorierst um dich stattdessen mit deinem Handy zu beschäftigen – Zufriedenheit in einer Partnerschaft.

Nicht nur das, eine andere Studienreihe hat gezeigt, dass, wenn man während einer tiefergehenden Unterhaltung ein Handy dabei hat (sagen wir es liegt während des Abendessens frei sichtbar auf dem Tisch), stört dies das Gefühl von Verbundenheit zum Gegenüber. Und normalerweise sind es genau diese persönlichen, bedeutungsvollen Gespräche, die uns wirklich näher bringen. 

In einer dieser Studien fand Professor Misra, dass „wenn eine:r der beiden Proband:innen das Handy auf den Tisch legte, oder in der Hand hielt, die gemeinsame Unterhaltung als weniger erfüllend bewertet wurde.” Sie stellte außerdem fest, dass Teilnehmer:innen, die ihr Handy mitten im Gespräch rausnahmen, weniger Empathie für die andere Person empfanden.

Zusätzlich verzeichnete eine Metastudie vom King’s College London, dass 23 Prozent der jugendlichen Probanden problematisches Smartphone Nutzungsverhalten zeigten (PSU=problematic smartphone usage), was mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von Depressionen, Stress und schlechter Schlafqualität verbunden war. 

Also, sitzen wir in der Patsche? 

Nein, das tun wir nicht. Auch wenn sich dieser Artikel möglicherweise wie eine Gewitterwolke über deinem Kopf anfühlt, gibt es doch relativ viele Silberstreifen am Horizont. Lass uns als Erstes klarstellen, dass die Smartphone-Nutzung nicht dieselbe neurologische Reaktion hervorruft wie chronische Abhängigkeit. Typischerweise gibt es keine Entzugserscheinungen, die mit der Handynutzung einhergehen – es ist eher eine Gewohnheit, die durch Digital Detox behoben werden kann. 

Dies bedeutet, dass wir noch immer mit unseren Freund:innen über das Handy in Verbindung bleiben und gleichzeitig eine gesunde Beziehung zum Smartphone haben können.

Wie genau? Ein erster Schritt wäre es, eine App herunterzuladen, die deine Handynutzung trackt, wie beispielsweise StayFree (Android) oder Moment: Cut Screen Time (iOS), und anzufangen, darauf zu achten, wie oft du jeden Tag auf dein Handy schaust. Es könnte dich überraschen. Außerdem bietet es sich eventuell auch an, mit diesem Quiz zu testen, ob und wie handysüchtig du eigentlich bist. 

Und wenn du  dann einen Selbstversuch im Digital Detox beginnst, auch mal handyfreie Zeit einplanst und zusätzlich die Anzahl der Blicke auf dein Smartphone auf 10 bis 20 Mal am Tag verringerst, überraschen dich eventuell auch die Effekte, die das auf deine seelische Gesundheit hat.

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