Noch nie konnte man das, was man braucht, einfacher und schneller bekommen. Der Sog des Neoliberalismus hat uns fest im Griff – wir streben nach mehr, nach Perfektion, und trotzdem macht sich eine Gegenbewegung stark. Ein Trend, sich der Welt des Materiellen abzuwenden und weniger zu besitzen. Oder liegt „im Trend sein“ einfach nur im Trend?

Was ist Minimalismus überhaupt? Ein Mindset, ein Look oder eine Wertvorstellung, um bescheidene Prahlerei geschickt zu vertuschen?

Wenn etwas enorm schnell derart an Beliebtheit gewinnt, wie es dem Minimalismus derzeit widerfährt, wird es oft falsch dargestellt – denn Minimalismus ist so viel mehr als nur ein Hashtag. Während unserer Recherche haben wir herausgefunden, dass hinter dem Konzept tatsächlich eine tiefere Bedeutung steckt.

Ob du einen minimalistischen Lebensstil nun hasst, liebst oder noch herausfinden musst, worum sich der ganzen Hype dreht, kannst du dich schon zu den Glücklichen zählen – denn du setzt dich bewusst mit dem Thema Minimalismus auseinander. Auch wenn er nichts für dich ist, belegen Studien, dass er das Potenzial hat, Großes zu bewirken. Hier unser Guide zum Thema Minimalismus. Tauche tiefer in die Ursprünge des Trends ein und schau’, wie Minimalismus dein Leben beeinflussen kann.

Was ist Minimalismus?

Viele bringen Minimalismus mit Kunst, Design und einem bestimmten Bewusstseinszustand in Verbindung. Der Ursprung liegt jedoch woanders. Um den Kern des minimalistischen Konzepts zu verstehen, spulen wir ein paar Jährchen zurück. Vor 600 Jahren haben Zen Priester und Künstler japanische Steingärten designt, um das Prinzip von Einfachheit und Klarheit mit Hilfe eines leeren Raums auszudrücken.

Minimalistisch leben

Der Begriff „Minimalismus“ wurde erst im 20. Jahrhundert als ein Nebenprodukt des „de Stijl“ Architekturstils geprägt. Die Idee dieser Stilrichtung: Weniger ist mehr und Schönheit kann in der Abwesenheit anderer Dinge gefunden werden.

Was das mit deinen Mitbewohner*innen zu tun hat, die Fotos von ihrem weißen Geschirr auf einem weißen Regal vor einer ebenso weißen Wand posten? In Wahrheit ist es so, dass all diejenigen, die heutzutage am lautesten über Minimalismus tönen, eigentlich komplett das Thema verfehlen. Trotzdem sind sich die meisten Minimalist*innen einig, dass man sich weniger überwältigt fühlt und den Fokus auf das legen kann, was man bewusst in seinem Leben willkommen heißen will.

Joshua Becker sagt in seinem Blog Becoming Minimalist:

„Beim Minimalismus rücken wir Dinge, die wir am meisten schätzen, absichtlich in den Vordergrund und befreien uns von all dem, das uns davon ablenkt.“

Wenn das wirklich funktioniert, scheint die Sache mit dem Minimalismus ja ziemlich großartig zu sein. Aber funktioniert’s auch? Erfahre unten mehr.

Führt Minimalismus zu einem besseren Leben?

Die meisten Ansätze in Richtung minimalistisches Leben bauen auf der Idee auf, dass Materialismus unseren Alltag übernommen hat – und zwar zu unserem Nachteil.

Tim Kasser, Autor von The High Price of Materialism, hat Folgendes herausgefunden: Menschen, die Materialismus als wichtig empfinden,

  • sind weniger glücklich,
  • pflegen schlechtere zwischenmenschliche Beziehungen,
  • tragen weniger zur Community bei und
  • legen ein umweltschädliches Verhalten an den Tag.

Minimalist*innen versuchen absichtlich, achtsamer zu sein. Da liegt es nahe, dass Minimalismus mehrere positive Nebenwirkungen mit sich bringt. Trotzdem wird es dich möglicherweise überraschen, wie groß der positive Einfluss eines minimalistischen Lebens tatsächlich sein kann.

Minimalismus kann dich glücklicher machen

Laut Joshua Becker dreht sich das Konzept um die Trennung von Dingen, die dich von dem ablenken, was dir am wichtigsten ist. Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus, bekannt als The Minimalists, sagen, es sei nicht ganz so einfach. Du wirst nicht automatisch glücklich, nur weil du die Guidelines für einen minimalistischen Lifestyle befolgst. Helfen kann es aber allemal:

 „Was Minimalismus bewirken kann, ist, sich von allem Unnötigen zu befreien und mit einer neu entdeckten finanziellen Freiheit Neues zu erleben.“

Minimalismus kann dir beim Sparen helfen

Wenn du weniger kaufst, sparst du Geld (Überraschung!). Wenn du dich dem Credo verschreibst, dass dich viele Dinge vom Wichtigsten ablenken, wirst du Geld wahrscheinlich nie mehr so ausgeben wie zuvor.

Raffst du dich nun dazu auf, angesammelte Dinge auszumisten, kannst du eventuell sogar ein paar davon verkaufen. Die beliebte Minimalismus-Bloggerin Mia Danielle sagt außerdem, dass dein neues Mindset auch andere Arten des Geldausgebens beeinflusst und in passives Sparen resultiert. Sie sagt:

„Du wirst sehen, dass sich deine finanzielle Gesundheit nicht nur beim Shoppen verbessert. Die Vorteile von Minimalismus liegen ganz klar im finanziellen Bereich. Wenn du deine Besitztümer bewusst auswählst, kaufst du keinen unnützen Kram. Wenn du diesen Ansatz dann auch noch auf dein Leben (und deine Shopping-Gewohnheiten) anwendest, wirst du voller Stolz auf dein volles Bankkonto und dein leeres Wohnzimmer blicken können.“

Minimalismus macht dich weniger verschwenderisch

Bei deiner Verwandlung zur Minimalist*in werden viele deiner Dinge wohl oder übel auf dem Müll landen. Not fun. Aber wenn du dann erstmal ein einfaches Leben führst, wirst du dich beispielsweise viel eher für eine 4-in-1 Küchenmaschine statt für einen Standmixer, Stabmixer, Handmixer und Smoothie-Mixer entscheiden.

Laut Dr. Kelly Miller von der Deakin University bringt weniger Konsum sogar Langzeitvorteile für die ganze Welt mit sich:

„Wenn wir alle darüber nachdenken würden, was wir wirklich brauchen anstatt was wir einfach nur haben wollen, würden wir unseren Konsum und gleichzeitig unseren Fußabdruck in der Welt reduzieren.“

Bewusster Konsum heißt weniger Müll.

Minimalismus schenkt dir mehr Freiheit und weniger Stress

Wenn Minimalist*innen etwas aufschreiben möchten, greifen sie zu einem Stift. Zu ihrem einzigen Stift. Und man mag es kaum für möglich halten, aber: Das funktioniert. Stell dir einmal all die Momente des Tages vor, in denen weniger Kram deinen Tagesablauf optimieren würde. Da ist weniger Stress eine logische Schlussfolgerung.

Forscher der UCLA fanden heraus, dass eine höhere Anzahl an Dingen in einem Haushalt direkt mit mehr Stress verbunden ist. Den Zusammenhang von weniger Sachen auf der einen und weniger Stress und neue Freiheit auf der anderen Seite lässt sich also ganz leicht erkennen.

Minimalismus

Inspirationen für MinimalismusEinsteiger*innen

Es gibt unzählige Blogs, Instagram Accounts und Podcasts mit verschiedenen Ansätzen für MinimalismusEinsteiger*innen. Unser erster Tipp: Finde heraus, was für dich funktioniert.

Für manche Influencer*innen gehen Minimalismus und eine ganze Reihe an Einschränkungen Hand in Hand – für viele nicht der richtige Start. Deinen Kleiderschrank ausmisten? Okay. Deine Büchersammlung reduzieren? No way.

Ob du dich nun am ehesten mit den wirtschaftlichen, ökologischen oder persönlichen Vorteile des Minimalismus identifizieren kannst , können wir darauf wetten, dass es da draußen schon einen Minimalismus-Guru gibt, der die Dinge genauso sieht wie du.

Halte einen Zeh ins Minimalismus-Meer, schreibe auf, was sich gut anfühlt und finde so heraus, wo du tiefer eintauchen willst. Entscheide dich für ein paar der folgenden Minimalismus-Tipps und probiere dein neues Mindset aus.

1. Weg mit Doppeltem

Hand aufs Herz … wie viele Shampoo- und Duschgelflaschen brauchst du wirklich? Dein Zuhause ist voller Dinge, die nicht unbedingt notwendig sind. Aussortieren, entrümpeln und entsorgen lautet die Devise. Du musst nicht gleich alles auf das Nötigste reduzieren. Wenn du damit beginnst, die Dinge loszuwerden, die du sicher nicht vermissen wirst, hast du bereits einen ersten und einfachen Schritt in Richtung Minimalismus getan.

2. Klüger einkaufen

 Joshua Becker von Becoming Minimalist sagt:

„Das Streben nach und der Kauf von physischen Besitztümern wird unseren Wunsch nach Glück nie vollends befriedigen.“

Wir wissen, wie aufregend es sein kann, sich ins Schnäppchen-Meer zu stürzen. Wenn du deinen Einkaufswagen aber minimalistisch halten möchtest, konzentriere dich auf die Essentials. Und ja, vielleicht muss dafür die Deko für die WG-Party im Regal bleiben. Bevor du einkaufen gehst, sei dir bewusst darüber, was du wirklich brauchst. Sorry, Stöbern und ohne Plan loszuziehen ist kontraproduktiv.

3. Die Essentials-Kollektion 

Laut Forbes hat die durchschnittliche Konsument*in 120 Kleidungsstücke und trägt nur 20 Prozent davon“. Investiere lieber in faire, hochwertige Kleidung statt in Saisonmode. Das hebt dich nicht nur fashionmäßig in den Olymp, sondern setzt zudem ein Statement gegen Billigproduktion. Hallo Karma!

Die Idee ist, dass du deinen Kleiderschrank ausräumst und ihn mit 30 (hochwertigen) Essentials füllst, die du beliebig miteinander  kombinieren kannst. Unterm Strich sind 30 hochwertige Klamotten nicht viel teurer als 120 von bekannten Saison-Modeketten.

4. Spende deine Extras

Halbleere Flaschen wegzuschmeißen ist das eine. Bücher, Kleidung und Küchenutensilien zu verschenken das andere. Es zeigt sich: Spenden fühlt sich gut an!

Studien des Rush University Medical Center zeigen, dass Geber einen Helfer-Höhepunkt erleben, der lang anhaltende physische und psychische Vorteile mit sich bringt.

Dir fällt es schwer herauszufinden, welche Dinge du jetzt nicht, später aber vielleicht doch noch brauchst? Unser Vorschlag: Packe sie in eine Box und schreibe das Datum darauf, an dem du sie verstaut hast. Wenn du diese Dinge nach einem Jahr nicht vermisst, spende sie und sammle Karma-Punkte.

Unsere Freunde vom Deutschen Roten Kreuz freuen sich über jede Spende – egal ob du ihnen deine aussortierten Klamotten, Bücher oder sonstigen Besitztümer via Altkleidercontainer, Straßensammlungen oder Kleiderkammern überlässt.

5. Werde sozial minimalistisch

Auch wenn das vielleicht nicht zu dem passt, was die Zen Gärtner beim Säen der Minimalismus-Bewegung im Sinn hatten, bringt das Aufräumen deines sozialen Lebens unglaubliche Vorteile mit sich. Sortiere aus, wem du auf Social Media folgst und schränke (Online- und Offline-)Beziehungen ein, die dir nicht gut tun.

Das eigene Verhalten um 180° zu ändern ist eine Mammutaufgabe. Ein minimalistischer Lifestyle muss aber nicht schwierig sein, besonders weil es ja darum geht, dein Leben zu vereinfachen und den Fokus auf das zu legen, was dir am wichtigsten ist. Schreibe deine eigene Definition der Minimalismus-Philosophie und mach’ es so zu deiner ganz persönlichen Sache.

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