Wenn es dir auch nur ein bisschen so wie uns geht, dann hat sich dein Potenzial für kreatives Denken im letzten Corona-Jahr spürbar verringert.

Zuhause sitzen, Zukunftsangst, Social Distancing statt Brainstorming – das alles hat nicht gerade dazu beigetragen, dass wir vor kreativer Energie sprühen. 

Und wie kriegen wir nun die Kurve und steigern unser abgesacktes kreatives Potenzial? Nimmst du dir kurz Zeit, um in Google nach Wegen zu suchen, um kreativer zu sein, stößt du auf Tipps wie Tagträumen, Meditation und Entspannung als Schlüssel zur kreativen Ideenfindung. Ganz nach dem Motto: Wenn du deinem Geist die Möglichkeit gibst, sich frei zu entfalten, öffnet sich dein Unterbewusstsein und du kannst auf magische Weise innovative Ideen hervorzaubern. 

Da uns dieser Gedankengang nicht vollends überzeugt hat, haben wir uns mit Shai Winiger, Lemonades Mitbegründer und Chief Lemonade Maker, zusammengesetzt. Shai ist ein ehemaliger Design-Dozent und Product Leader und hat hunderte von Student:innen und Angestellte auf dem Weg zum kreativen Denken begleitet. 

Shai bringt seine – etwas andere und einzigartige – Perspektive dazu ein, wie man kreativer wird:

„Meiner Erfahrung nach, ist entspanntes, unstrukturiertes Denken das Letzte, was du möchtest, wenn du versuchst, dir neue Ideen einfallen zu lassen. Kreatives Denken erfordert unheimlich viel Energie – es ist ein Boxkampf zwischen deiner linken und deiner rechten Gehirnhälfte. Die linke Seite kämpft für Logik, während die rechte Seite den Prozess mithilfe von Emotionen leiten und das Unbekannte erforschen möchte.”

Also, wie kannst du deine rechte und linke Gehirnhälfte dazu bringen, zusammenzuarbeiten? Spoiler: Das Ganze passiert nicht einfach so auf Knopfdruck, sondern mithilfe einer bewussten Handlung, die wiederum eine spezifische Strategie erfordert.

Tipps kreativ sein Lemonade

Hier sind sie, Shais persönliche Kreativitätstechniken:

1. Schränk’ dich selbst ein

Einer weit verbreiteten Annahme zufolge liegt der Schlüssel zur Kreativität in der Abwesenheit von Grenzen wobei in der Realität tatsächlich genau das Gegenteil der Fall ist.

Unbegrenzte Freiheit führt dazu, dass du dich in deiner kreativen Energie überforderst du erschöpft dich selbst, bevor es zu einem wesentlichen Durchbruch kommen kann. Stattdessen, so Shai, solltest du dich auf eher strukturiertes Denken beschränken. 

„Versuche, dir gewisse Grenzen zu setzen. Fang’ damit an, einen Teil eines größeren Problems auszuwählen – eventuell sogar komplett willkürlich – und richte deine gesamte kreative Energie auf diesen einen kleinen Aspekt.”

Nehmen wir mal an, du machst dir Gedanken über eine mögliche Kampagne für dein Business, ein Geschäft für handgemachte Hüte. Setz’ dir während des Prozesses eine Begrenzung – sowas wie die Jahreszeit, Zielgruppe, Thema etc. 

Konzentriere dich beispielsweise auf Hüte für Männer mit Bärten. Die von dir gesetzte Eingrenzung führt möglicherweise dazu, dass du dich fragst – warum eigentlich nur Männer? Anschließend hast du eventuell eine gute Idee für eine Kampagne, die weibliche Hutmodelle mit Kunstvögeln featured. Und das zieht dann wiederum mit hoher Wahrscheinlichkeit die Aufmerksamkeit der Leute auf sich.

2. Gib dir selbst die Erlaubnis

Eine der größten Hürden des kreativen Denkens liegt in der Angst davor, dass jemand deine Idee ablehnen könnte. Diese innere Angst befeuert viele unserer beruflichen Unsicherheiten und führt oftmals dazu, dass wir einen großen Bogen um verrückte Ideen machen.

Bevor du dich auf die kreative Reise begibst, empfiehlt dir Shai Folgendes: 

„Stell’ sicher, dass du genug künstlerische Freiheiten hast, um auch komplett verrückte Gedanken frei und mit einem guten Gefühl zu äußern. Du bist nicht in der Lage, etwas Gutes hervorzubringen, wenn du dich dauernd fragst, was wohl die anderen darüber denken werden.”

Hab’ keine Angst vor abgedrehten Ideen und lass’ deinen kreativen Gedanken komplett freien Lauf.

3. Finde deine Muse

Kreativität entsteht nicht im Vakuum. Um kreativ zu sein, muss du eine Umgebung schaffen, die kreatives Denken begünstigt, so Shai. 

„Finde heraus, was du brauchst, um dich in einen kreativen Flow zu bringen. Für manche ist es die ungestörte Solo-Arbeit mitten in der Nacht mit einem Glas Wein in der Hand. Andere benötigen ein Publikum.”

Auch wenn’s hier keine festen Regeln gibt, müssen die meisten Menschen in einer relativ guten Grundstimmung sein, bevor sie sich hinsetzen, um kreative Gedankengänge hervorbringen zu können. Generell hilft eine positive Stimmung dabei, Probleme auf kreative Weise zu lösen.

4. Such’ dir Inspiration

In Wahrheit ist es so, dass es keine wirklich originellen Ideen gibt – wenn du Glück hast, stolperst du eventuell über eine originelle Ideenkombination, so Shai:

„Je mehr Zutaten du deinem Gehirn zur Verfügung stellst, umso wahrscheinlicher ist es, dass du über eine tolle, originelle Mischung stolperst.”

Und wo findest du nun Inspo? Die Chancen stehen gut, dass es für jegliche Themen, die du tackeln möchtest, schon eine Website zur Inspiration gibt. Wenn du an einem UX-Projekt arbeitest, dann beginne am besten mit Awwwards oder den CSS Design Awards, oder probiere ein paar verschiedene Produkten aus. Hier ist eine hilfreiche Liste mit kreativen Seiten. 

Denk’ jedoch daran, es ist ein schmaler Grat zwischen Inspiration und Nachahmung. Wenn du dir die Projekte von anderen anschaust, vergiss nicht, dass diese ein ganz anderes Problem angehen möchten als du. Im Endeffekt sollte dieser Teil des Prozesses eine Art ‘Schaufensterbummel’ darstellen.

kreativer werden

5. Schreib’ deine Gedanken auf

Nimm einen Stift und ein Blatt Papier zur Hand (ja, ganz oldschool) und schreib’ deine Ziele in Großbuchstaben in die erste Zeile. Auf diese Weise konzentrierst du dich weiterhin auf das Wesentliche. Fange dann damit an, deine Ideen zum Thema aufs Papier zu bringen. Shai empfiehlt folgende Methode:

„Nachdem du deinen ersten Gedanken aufgeschrieben hast, geh’ davon aus, dass er nicht gut genug ist. Lass’ dir 20 zusätzliche Ideen einfallen. Bestimme die, die dir gefallen haben, und nimm’ sie anschließend genauer unter die Lupe.“

Bewerte deine Ideen nicht direkt während du alles aufschreibst und formuliere keine vollständigen Sätze – das verlangsamt nur den Prozess. Lass’ dein Schreiben, innerhalb deines selbst formulierten Rahmens, zum Strom deines kreativen Bewusstseins werden.

Wähle eine Idee, die dir gefällt und beginne damit, diese genauer auszuarbeiten. Stell’ dir anschließend diese kniffligen Fragen: 

  • Hat die Idee das Potenzial andere auf die eine oder andere Weise bedeutend zu beeinflussen?
  • Interessiert meine Idee überhaupt jemanden?
  • Kann meine Idee wachsen und mehr als 1.000 Menschen beeinflussen?

Nachdem du deine Lieblingsidee weiter ausgeweitet hast, besteht die Chance, dass sie es am Ende nicht durch deine drei Filter schafft. Aus diesem Grund solltest du dich nie auf eine einzige Idee versteifen. Du willst ja am Ende nicht an etwas festhalten, das alles andere als optimal ist. Hab’ keine Angst davor, die Idee in die Tonne zu hauen und fresh zu starten. Oder sie eventuell zu einem anderen Zeitpunkt wieder aus deinem Ideen-Repertoire ‘rauszuholen. 

6. Lass’ dich von deiner verrücktesten Idee leiten

Kreativität erfordert die Erlaubnis, offen und unerschrocken zu sein – nicht nur die anderer, sondern auch deine eigene. Sobald du dir selbst erlaubst, verrückte Gedankengänge zu haben, sind deiner Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Selbstbewusstsein ist der Schlüssel zur Kreativität. Vermeide Gedankengänge, die dich einschränke, beispielsweise darin, was erlaubt ist, und was nicht. Und letztendlich solltest du die Idee auswählen, die außerhalb deiner Komfortzone liegt. Shai sagt dazu Folgendes: 

„Deine abgehobensten Ideen sind meistens deine besten Ideen. Auch wenn’s das erste Mal nicht klappen sollte, stell’ sicher, dass du dich weiterhin dazu pusht, mit grenzwertigen Konzepte zu kommen. Kreativität ist ein Muskel, der trainiert werden muss – so wie viele andere Fähigkeiten auch.”

Geh’ nicht immer nur auf Nummer sicher und mach’ dir keine Sorgen, sollte deine Idee nicht direkt wie eine Bombe einschlagen. Und auch dann nicht, wenn andere sie nicht auf Anhieb verstehen.

7. Organisiere einen kreativen Workshop

Sollte der kreativen Prozess mehrere Personen involvieren, reichen mehrere kürzere Meetings oftmals nicht aus. Im Gegenteil: Sie verlängern nur den Kreativprozess und reißen dich aus deinem Flow ‘raus.

Stattdessen schlägt Shai vor, zielgerichtete Workshops zu halten, um dein Team als Kreativquelle zu nutzen. 

„Finde ein inspirierendes Umfeld, schalte angenehme Musik ein und bringe alle Beteiligten zusammen, um eine lange Brainstorming-Session abzuhalten.”

Einer der Schlüssel zu erfolgreichen Workshops ist, sie außerhalb des Offices abzuhalten. Wenn der Workshop im Büro stattfinden, ist das suboptimal. Denn dort gibt es nicht nur tausend Ablenkungen, sondern die immer gleiche Umgebung erschwert es zusätzlich, sich von gewohnten Denkmustern loszumachen.

Ein weiterer Schlüssel, um einen effektiven Workshop zu gestalten, liegt darin, ein kreatives Umfeld zu fördern. Sei der:die Erste, die eine Idee äußert, die den sozialen Normen widerspricht und unterstütze die Kolleg:innen, die dasselbe tun. Wenn du ein Umfeld schaffst, dass Risikobereitschaft, die Möglichkeit zum Scheitern sowie freie Meinungsäußerung unterstützt, führt dies laut einer Studie der Harvard-Professorin Amy Edmondson zu einem höheren kreativen Output.

8. Hab keine Scheu vor deinem inneren Misfit

Wenn du dich für eine extrem kreative Idee entschieden hast, ist dies hier ein guter Filter für dich: Solltest du deine Idee in einem Sitzungssaal eines Unternehmens vor lauter Anzugträgern mit Krawatten präsentieren, würdest du dann einige komische Blicke ernten? Sollte deine Antwort ‘nein’ lauten, denkst du wahrscheinlich nicht kreativ genug. Und jetzt nochmal in Shais Worten:

„Wenn du dich nach dem Standard aller richtest, brichst du keine Normen. Kreativität kommt von denen, die nicht mit dem Strom schwimmen, denjenigen, die Regeln brechen.”

Los gehts! Mach’ dich auf, um ein paar Regeln zu brechen.

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